... Daten aus der Geschichte der Madensteine ...

 

nach M.BARTHEL, R.RÖSSLER & H.-J.WEISS

 
 

1759 / 1760 Siebenjähriger Krieg

Im November 1759 ziehen sich Österreicher und Reichstruppen unter Feldmarschall DAUN aus dem Elbtal zurück. Auf der Hochfläche am Windberg bei Freital graben sie sich "mehrere Ellen tief" in Verteidigungsstellungen über dem Weisseritztal ein. Dabei werfen sie auch einige Hornsteine heraus, entdecken deren Natur aber anscheinend nicht (vielleicht auch, weil die Plastiksprühflasche als das wichtigste Utensil des Hornsteinjägers noch nicht erfunden war...). Hätten die Soldaten gewußt, was sie bei ihrer Spatenarbeit ans Tageslicht befördern, wäre ihnen die Arbeit wohl ein wenig leichter von der Hand gegangen. Wie auch immer, dieses militärische Manöver gab letztendlich den Ausschlag für die Entdeckung der sächsischen Madensteine.

Bild: österreichischer Kreuzer von 1762, welcher 2000 bei der Madensteinfundstelle entdeckt wurde.

   
 
   

Einige Jahre später...

...entdeckt CHRISTIAN GOTTLIEB PÖTZSCH, Konservator des kurfürstlichen Mineralienkabinetts, wohl bei diesen Schützengräben einen Hornstein mit seltsamen Fossilien. Fast gleichzeitig gelingt auch dem sächsischen Offizier FRIEDRICH ERICH VON LIEBENROTH auf den benachbarten Feldern von Kleinnaundorf ein ähnlicher Fund. "... die unzähligen organischen weißen Körper sind von vielen für die Körper von Scolepender, Tausendfüße oder Kellerwanzen gehalten worden..."(1798) damit waren es wohl mehr oder weniger Unwissende, welche den Begriff des Madensteins prägten, bevor die sächsische Schmuckindustrie diese Bezeichnung benutzte. Die Steinschneider und Juweliere brauchten immerhin einen Namen für den kostbaren Stein, der sogleich für Schmuck, Tabatieren oder Ringsteinkabinette "zersägt" und "verschönert" wurde. Anscheinend wurde schon damals gut mit Hornstein gehandelt. Einige Stücke gelangen in wissenschaftliche Sammlungen nach Jena und Göttingen und fallen in die Hände von Botanikern...

Bild: Hornstein mit "Scolopendern, Tausendfüßern und Kellerwanzen"

 
 
 

Noch vor 1802...

...erkennt der von GOETHE geschätzte Jenaer Universitätsprofessor CARL BATSCH die pflanzliche Natur der Fundstücke vom Windberg bei Freital. JOHANN FRIEDRICH BLUMENBACH, Magister Germaniae in Göttingen notiert die Erkenntnis vom Farnkraut auf ein Etikett zum Fundstück PÖTZSCH's. Das Fundstück VON LIEBENROTH's und das Etikett sind in der Universität Göttingen noch erhalten. Sie stammen somit aus der ersten Fundperiode und sind die ältesten bekannten Nachweise des Madensteins. 1799 wird ein Mann geboren, der dem pflanzlichen Fossil seinen Namen geben sollte. es war JONATHAN CARL ZENKER, der 1837, lange nach dem Tod BATSCH's, den Farn wohl mit einem Augenzwinkern benannte: Scolecopteris elegans ZENKER (übersetzt = der Madenfarn!). BATSCH und auch ZENKER (1799-1837) war leider kein langes Leben beschieden und auch BLUMENBACH erlebte die nächste Fundperiode nicht mehr als er im Jahre 1840 starb.

Bild oben: CARL BATSCH (1761-1802), Bild unten: JOHANN FRIEDRICH BLUMENBACH (1752-1840)

 

 
 
 

 

 

Die zweite Fundperiode

1871 findet der Gründer der landwirtschaftlichen Schule MAX WILSDORF in Chemnitz-Altendorf fossilführenden Hornstein. Nach der Bergung übergibt er den kostbaren Fund der Städtischen Sammlung in Chemnitz. Vor ihm hatten bereits andere aus verschiedenen Beweggründen Altendorfer Hornstein gesammelt. So sind aus der Chemnitzer Sammlung SCHRECKENBACH, der Sammlung HEINRICH COTTA Belege bekannt, aber auch Edelsteininspektor FRENZEL war schon viel früher auf der Jagd nach schleifwürdigem Material. Die neuen Funde WILSDORF's jedoch waren besseres, also eindeutigeres Material und machten die Forscher neugierig.

1872 fühlt sich auch der Dresdner Hofrat HANNS BRUNO GEINITZ berufen, etwas zu den Funden zu veröffentlichen. Und da waren sie wieder die Tausendfüßer. Palaeojulus dyadicus tauft GEINITZ seine Myriapoden, anscheinend ohne sich vorher genauer über die Geschichte des Madenfarns informiert zu haben. Peinlich peinlich wie sich herausstellt, denn der noch relativ junge Chemnitzer Bürgerschullehrer STERZEL ist keinesfalls gewillt, dieses im Raume stehen zu lassen. Es entspinnt sich ein kurzer Disput bei dem GEINITZ trotz seiner eigentlich gesellschaftlich höheren Stellung einlenkt.

1899 läßt es sich STERZEL übrigens nicht nehmen, anläßlich des vierzigjährigen Jubiläums der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft zu Chemnitz eine Art Spottlied ("Klage des Paläojulus von Altendorf") zu verfassen, in dem die Geschichte noch einmal lustig umschrieben wird. Ob sich GEINITZ dazu ein Lächeln abringen konnte, ist nicht bekannt.

Bild oben: MAX WILSDORF (1844-1926), Bild unten: HANNS BRUNO GEINITZ (1814-1900)

 
 
 

Die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts...

...waren eine entscheidende Zeit in der Erforschung der Madensteine. STERZEL wird 1877 von der Sächsischen Geologischen Landesuntersuchung mit der Erforschung des Altendorfer Hornsteins betraut. Er kennt die Untersuchungen STRASBURGER's von 1874, verfügt über gutes Material aus Altendorf und holt die GEINITZ'schen Maden zurück in die Botanik. In den folgenden Jahren bemühen sich die Kontrahenten weiter um die Erforschung der sächsischen Hornsteine. GEINITZ lässt DRUDE Anschliffe von Hornsteinen aus der COTTA - Sammlung untersuchen, STERZEL weist eine Hornsteinschicht im Marienschacht bei Freital nach und veröffentlicht 1893 seine Monographie über die Flora des Plauenschen Grundes. Durch kartierende Landesgeologen werden in Kleinnaudorf noch weitere Madensteine gefunden. Um die Jahrhundertwende wird es dann ruhig um den Hornstein rund um den Windberg...

Bild: JOHANN TRAUGOTT STERZEL (1841-1914)

 

 
 
 

 

In Chemnitz...

...wird weitergesammelt. FLORIN erkennt bei seiner Bearbeitung neuer Funde und der Revision alter Stücke (1937) daß es sich bei der Altendorfer Hornsteinplatte nicht um einen Waldboden mit Nadelstreu handelt. So sind die Nadeln eher Calamitenblattreste und die Sphenophyllum-Fruchtähren die Sporophyll-Ähren des Clamites gigas. Weitere Forschungen am Altendorfer Hornstein wurden später durch GÖTZELT, BARTHEL, FISCHER, RÖSSLER und PETERMANN durchgeführt. Vor allem die Veröffentlichung durch TUNGER & EULENBERGER 2001 infolge von Beobachtungen im Anstehenden zeigt, daß auch hier einige Fragen noch nicht endgültig geklärt sind. Sporadisch werden trotz der starken Bebauung noch immer Hornsteine in Altendorf gefunden.

Bild: vorübergehender Aufschluß in Chemnitz-Altendorf

 
 
 

Und in Freital ...?

...war es erstmal ruhig geworden um den berühmten Madenstein. 1980 findet G.MÜLLER erstmals wieder Scolecopteris. Von M.BARTHEL's Madensteinbeitrag in den "Zeugnissen der Erdgeschichte Sachsens" (PRESCHER 1987) animiert, beginnt H.J.WEISS im Zielgebiet nach Hornstein zu suchen und ist dabei seit 1991sehr erfolgreich. Einen echten Madenstein prächtigster Manier findet W.SCHWARZ 2001 auf einer Baustelle in Kleinnaundorf. Angesichts der Fülle an dichtgepackten Farnblättchen in diesem Stück kann man die Verwechslung mit Kellerwanzen vor über 200 Jahren etwas besser nachvollziehen. Wahrscheinlich gehörte dieser Madensteinklumpen zu den Exemplaren, welche die Soldaten vor gut 230 Jahren auf die Wälle warfen. Und damit schließt sich der Kreis...

Bild: SCHWARZ'scher Madensteinfund von 2001, ausgestellt auf einer Börse in Dresden, dicht gepackte Farnblättchen in rötlichem Hornstein (für mehr Aufnahmen von diesem Fund bitte das Bild anklicken!)

 

 
 

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